Decorative Kunst - 02.2001

Wladimir Kurdjukov und Knikta

 
In der Geschichte der Kunst ist die Vererbung einer Begabung von Väter auf Kinder - keine Seltenheit, während man Fälle einer harmonischen schöpferischen Zusammenarbeit innerhalb einer Familie wesentlich seltener antrifft. Uns ist eine einzige solche, zweifelsohne fruchtbare Seriöse zwischen den Brüdern Theo und Vincent van Gogh bekannt. Aber, gibt es noch ein ungewöhnliches Beispiel solch einer seltenen "Familielende" die gegenwärtige Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn Kurdjukov, die vielleicht nicht weniger Erleuchtungen und Erschütterungen ausgesetzt ist. Ungeachtet der Fülle ihrer Ausstellungen in den letzten Jahren, ist diese Erscheinung qualitativ ganz anders als die heutzutage weit verbreitete spekulative Konjunktur oder gewöhnlich verrufene Wunderkindlaufbahn.
Wladimir Kurdjukov, der in einer Familie mit sieben Kindern aufwuchs, erfuhr - wahrscheinlich durch die Unergründlichkeit des Schicksals die nicht geringen Belastungen mit dem einzigen eigenen Kind. Offensichtlich erzeugte Wladimirs Anstrengung das Unbegreifliche zu begreifen nicht nur einen Ehrgeiz.
Die scharen kontrastierende, ungehemmte dekorative Manier in vielen Bildern seines Sohnes Nikita schockiert fast auf den ersten Blick, der Vater ist jedoch überzeugt davon, dass die unruhige Seele Nikitas auf die Lektüre des Evangeliums, Dumas und Cervantes, die Nikita seit dem zehnten Lebensjahr liest, zurückzuführen ist. Schon in seinen ersten schwungvoll kühnen Zeichnungen huldigt er den heldenhaften Taten Don Quichottes und D'Artagnans. In Nikita, der seit frühester Kindheit behindert und seiner Sprache fast beraubt ist, entwickelten sich der seelische Hunger und der Drang nach Tat stärker und schärfer als bei die normalen gesunden Kindern.
Selbst ewig suchend und malend und mit seinen 10 Jahren noch lange nicht mit seine geistigem Wachstum und seiner Entwicklung am Ende, lehrte der Vater den Sohn notgedrungen fast gleichzeitig zu gehen, zu reden und mit den Farben umzugehen. Und dabei lernte er selbst: Am Anfang aufopfernde Barmherzigkeit, dann das aktive Mitempfin, den der rasch geweckten Schöpfungskraft des Sohnes. Allmählich verschmolz beides zu einem: in Nikita, der sich das pseudonym "Knikta" zulegte, schuf er sich einen unersetzlichen, gleichberechtigten Partner mit dem Pinsel. Die Malerei und die tiefe persönliche Erschütterung, vergleichbar einer zweiten Atmung, befreite sich auf die Pinsel Wladimir Kurdjukovs und auf die bis dahin unklar gezeigte Emotionalität seiner Kunst. Er begann mit einem gemäßigtem Impressionismus in Landschaftsbildern, die die Umgebung von Moskau und Russland zeigten, indem er gedankenvol1 in die Besonderheiten des Winters und Sommers eindrang und indem er das Kolorit der sich ändernden Zustände von Tag und Nacht darstellte. Schon 1978 versuchte er in, seinem geliebten Wostrikov nicht nur Gärten und Inneneinrichtungen von Datschen zu zeichnen, sondern die nicht einzufangenden Geräusche der Natur wie "das Rauschen der Blätter" festzuhalten. Der Ausdruckskraft wegen verwarf er immer öfter die gewöhnlichen Methoden der Malerei, ja selbst den. Pinsel, indem er manchmal zur "Fingermalerei" überging. Der Künstler ist davon überzeugt, dass "die Hand selbst den Weg weist", wenn nur das Gestrige heute nicht wiederholt wird und die Malerei spontan erfolgt.
Die Überzeugung davon, dass eine lebendige Hand gehorsamer und freier im Umgang mit Werkzeugen ist, gab später den Anreiz, unkonventionelle Verfahren bei der Kunstausbildung seines Sohnes, für den die traditionelle Pädagogik überhaupt nicht geeignet war, einzusetzreif. So erfand und verwirklichte Nikita eine Reihe merkwürdiger Vögel, fantastische Scheusale, die nur aus Flügeln und Schnäbelköpfen bestehen, wie scharfsinnige Metaphern des Schmerzes und Wahns. Der Vater legte in sein höchst individuelles System seine ganze Seele und erhielt bald, in jener neuenunverbildeten Kühnheit, mit der Nikita zum Beispiel im Jahre 1991 den Kölner Dom darstellte, keine geringe Rückerstattung.
Der junge Künstler übertrieb seihe dem gewöhnlichen Blick nicht wahrnehmbare Neigung bis zum Grad der Neigung des berühmten Turms von Pisa, ja verstärkte sie noch in den Silhouetten einiger Spitzen der Kirche. Es wird in Natura kaum ein berühmtes Werk der Architektur geben, das so leuchtend grün ist, wie in der energischen Darstellung Nikitas, der sie zusätzlich mit einer dynamischen, gewundenen Plastizität ausstattet, ähnlich einer geheimnisvollen Pflanze. Und dennoch hat der junge Autor Recht mit seiner intuitiven Vermutung - seinem Wesen nach ist nicht nur der Kölner Dom, sondern die ganze europäische Gotik vergleichbar einem eigentümlichen unvergänglichen Wald. Wie Jahrhunderte alte Bäume wuchsen ihre Gotteshäuser langsam im Laufe des Lebens einiger Generationen von Baumeistern. Der Scharfsinn ähnlicher Vermutungen von Nikita Knikta veranlasste zu selber Zeit den berühmten Kunstforscher T. Semjonov in dem jungen Maler "die unkindliche Weisheit des Talents" anzuerkennen.
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In der Moskauer Wohnung, die Werkstatt geworden ist, führt Wladimir Kurdjukov sowohl mit den Arbeiten des Sohnes als mit ihm selbst einen endlosen starken Dialog. In diesem nicht ganz gewöhnlichen mit kontrastreichen Eindrücken überladenen Alltag beginnen die nicht enden wollenden Studien Kurdjukovs in vielen Bereichen der traditionellen und neuen Kunst.
Nicht von ungefähr erlaubte eines der Lieblingsmodelle des Vaters, die Künstlerin Ida Scheljesnowa, dem Kollegen nicht nur mit allen möglichen Mitteln an ihrer Gestalt in Porträts herumzuexperimentieren, sondern stellte zur nicht geringen Freude des Jungens mit Farben herumzuschmieren einige eigene Bilder zur Verfügung. Nikita der seit dem fünften Lebensjahr mit Aquarell und Gouache vertraut ist und seit er zehn ist(1989) mit Ölfarben malt, zeichnete kühn in einen prachtvollen Regenbogen einmeisterhaftes "erwachsenes" in der Farbgebung bescheidenes Gemälde.
Natürlich werden in diesen Übungen Nikitas mehr jungenhafter Eifer und Spiel als Wissen widergespiegelt aber sie haben auch ihren eigenen Zauber. Beim Vergleich der kompositorisch geordneten und bedingt schönen Malerei der erfahrenen Künstlerin mit der Elementarkraft der scheinbar ungeordneten Pinselstriche Nikitas, fühlt man sich wie beim Ausgang eines in die Weite der ungebändigten Natur führenden Vorgartens. Nicht umsonst sah der junge Maler einen mächtigen Urwald in der grünen Flamme des Kölner Doms. Die Grundlage Schelesnowas hatte mehr versehentlich pädagogischen Einfluss auf das Entstehen der originellen Formen bei Nikita, ganz zu Schweigen von der unverwechselbaren ihn in jedem möglichen Sinne hebenden Hand des Vaters, der lange Jahre während des Malens der Bilder sorgsam seine Hand unter den Ellenbogen stützte. Aber das Erstaunlichste zeigt sich genau darin, dass der Pinsel des kranken Kindes sich von Anfang an so bewegte, als ob ein ganz anderer als der väterliche Wille eine Malerei schuf" die sich vollständig von der des Vaters unterschied. Der ungezügelte Fluss des Pinselstrichs Nikitas wird nach und nach durch den heranreifenden Verstand geformt und kontrolliert von einem starken nicht mehr kindlichem willen.
So entwickelte sich Nikitas frühe "Ökologie" genau parallel zur väterlichen .Nostalgie über die verlorene Schönheit der russischen Dörfer. Deshalb graben sich in die Kunst Kurdjukovs nach der dekorativen oder lyrischen sehr eleganten und friedlichen äußeren Schönheit seiner Bilder, wie der goldene Berg auf der Krim und die ganze Serie "Blaues Russland" ganz unmittelbar und einfach die traurigen Motive des sich auflösenden Dorfes ein. In der völligen Menschenleere wächst eine beklommene Gottesehrfurcht der Erde, die als Antwort gefährliche Mutanten, wie die Raubvögel Nikitas, die schon mit einer allumfassenden Naturkatastrophe drohen gebiert. Die Unheilsverkündung "schwarze Ziegen" aus noch einer Serie Kurdjukovs verwandelt, indem sie aus unschuldigen hellen in bedrückende dunkle Silhouetten degeneriert, auch den ganzen Raum um sich herum.
Sind nicht diese symbolischen väterlichen Hirschkäfer indirekt Paten für Nikitas seltsame Serie über die Liebe, die erschütternd grell die Möglichkeiten der Umwandlung von Männern und Frauen in Henker oder Opfer darstellt? Der beginnende Künstler Knikta wagt manchmal nicht nur scherzend zu korrigieren, sondern auch ernsthaft die Handlungen der Erwachsenen zu beurteilen. Aber woher kommt die Bitterkeit in den Bildern des Neun- bis Zehnjährigen über vollkommen unkindliche Probleme? Übrigens, was jeglichen Schmerz betrifft ist Nikita schon lange kein Kind mehr, seine leidvolle Erfahrung würde für viele Erwachsene reichen. Bei aller äußeren und inneren Unverhülltheit der Kompositionen Nikitas bezogen auf das ewige Thema "Mann und Frau", erscheint die Welt der geheimen Leidenschaften und Konflikte nicht äußerlich oberflächlich, sondern wie in die erschütterte, mitleidende Seele gestellt. Sogar in der "Wahren Liebe" wirken die plastischen Bewegungen der Helden nicht weniger gebrochen als in der Gruppe, die gerechterweise den Namen "Haß - liebe" trägt.
Ist es denn möglich, dass uns schon keine anderen Engel mehr geblieben sind, die zwar ,nicht so großzügig geschmückt, dafür aber wahr, leuchtend und gut sind? Gott sei Dank verneint die andere Hälfte des Werkes Nikita Kniktas eine ähnliche Hoffnungslosigkeit, indem es die Hoffnung auf ein gutes Wunder ausdrückt. Klug durch das eigene und des Vaters Leiden geworden, verfügt er über ein absolutes Gehör allem gegenüber, was den Schmerz erleichtern könnte. Und mehr noch der zielenden Fähigkeit der Kunst gegenüber.
Die kindliche Adaption der Bibel schenkte dem kleinen Nikita einst das tiefe Vorgefühl einer ursprünglichen Quelle und die Bemühung diese sichtbar zu machen. Mit der Zeit erreichte die Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift, eine unmittelbare Eigentümlichkeit in der langjährigen Serie über das Evangelium. Mit ihr verband sich, wie ein durchdringend erlebter Moment mit der Ewigkeit,
die gegenwärtige Schärfe der Aufnahme mit dem scheuen Erfassen der Größe des Altertums.
Früh erkannte Nikita die starke Wirkung von intensiven Farben und entdeckt nun die unsägliche Magie der Halbtöne. Von Bild zu Bild wächst der Lakonismus der Kompositionen. Je enger die Bandbreite und einfacher der Aufbau, umso tiefer der Inhalt. All dieses und insbesondere das Leuchten des nicht abendlichen Lichtes in Golgatha, das von Nikita dargestellt wurde, bestätigt, das die Schu.1e des Leidens, durch die der junge Maler an der Hand des Vaters durchgehen musste, auch eine Schule der echten künstlerischen Erleuchtungen war.
Es ist nicht von ungefähr, dass Wladimir Kurdjukov sich für einen Realisten sogar in seinen abstrakten Versuchen hält. Denn die "fantastische Realität" (fast wie bei Dostojewskij) ihres ungewöhnlichen Alltags ist ihrem Wesen nach nicht weniger real, als die sie umgebende Dreidimensionalität. Und der Künstler Kurdjukov wäre in seinen Bildern sehr viel oberflächlicher und äußerlicher geblieben, wenn in sein Leben nicht die Tragödie seines Sohnes eingebrochen wäre. Zusammen beseitigen sie sie heute aktiv. Wer wen unterrichtet ist nun schon nicht mehr zu sehen. Warum auch. Wladimir Kurdjukov seinerseits ist einverstanden damit, dass der von ihnen beiden durchschrittene in vielem dem "Gang nach Golgatha" vergleichbare Weg den "engen Pfad" immer steiler und höher werden lässt und für keinen von beiden die immer bewusstere Last des eigenen Kreuzes leichter wird, nichts desto trotz glauben beide, Vater und Sohn, inbrünstig an das Ziel der wolkenlosen kristallinen Höhe. Wieso auch nicht? Wenn sie beide zusammen und jeder für sich schon so viel erreicht haben was unmöglich schien.
OLGA PETROTSCHUK