Suddeutsche Zeitung 27. 08. 2003

 

Wege durch den Wald

Wie Nikita "Knikta" Kourdjukov in Munchen zu ersten Erfolgen als Maler kam

"Das Leben kann so verruckt sein, dass auch die Engel Dinge machen, die ganz und gar nicht engelhaft sind." Es kann aber auch so verruckt sein, dass Menschen Dinge passieren, die Engel bewirkt haben konnten. Nikita "Knikta" ist gerade mal 24 Jahre alt, aber wenn der junge Russe solche Satze von sich gibt, dann haben sie Gewicht. Und dass nicht nur, weil er aussieht wie Jesus: lange, glatte, dunkle Haare, schmales Gesicht, dunkler Bart, dazu ein Paar dunkelblauer Augen, aus denen der Schalk blitzt, wenn er lacht, die sich aber auch unversehens in schwarzer Gewitterstimmung verdustern konnen, etwa wenn er sich uber die formalen Voraussetzungen fur ein Kunststipendium aufregt, die er nicht erfullen kann.

Da steht er neben der schmalen Pritsche in seinem Atelierzimmer in der Akademie der Bildenden Kunste und zeigt seine Bilder - darunter auch den erwahnten Engel, schwarz skizziert auf spharisch transparentem Wei?, der nach einem Raben greift. Er zieht sie aus einem Regal an der Wand, das so hoch ist, dass es bis zur Decke reicht. Bei jedem neuen Bild verdreht er seinen Korper, seine Schultern, die Handgelenke. Muhsam, die gro?formatigen Rahmen aus dem Stapel zu ziehen, sie so zu aufzustellen. dass die Betrachter sie sehen konnen, zu denen er beim Hereinkommen gesagt hat "Ihr sollt dort sitzen!" auf zwei Sitzgelegenheiten verweisend, die unter Farben, Papieren und Kram erst zu suchen waren. Muhsam auch das Sprechen. Nikitas Deutsch ist nicht ganz leicht zu verstehen, doppelt gebrochen, weil seine Muttersprache du Russische ist und weil die cerebrale Lahmung, die Nikita seit seiner Geburt behindert und die seine Bewegungen so kompliziert, so fahrig macht, auch seine Zunge lahmt. Dass er es dennoch geschafft hat, das Malen, das Sprechen, die Aufnahme an der Akademie, die selbstandig gefuhrte Wohnung in einem Munchner Studentenwohnheim, den Erfolg mit seinen Bildern, das ist so fantastisch, dass man fast an himmlisches Wirken glauben mochte - oder an Nikitas enormen Willen.
Mit funf Jahren konnte er lesen, lernte laut zu lesen, um "eine Zunge zu trainieren. Mit neun fing er an zu malen, genau wie sein Vater Wladimir, der fur die Sorge um seinen Sohn die Malerei selbst fur viele Jahre aufgeben hatte. Und unter Nikitas fahrigen Handen, die der Junge dazu zwang, den Pinsel zu halten, Farbe aufs Papier zu bringen, entstanden nach und nach jene Bilder, die ihm Jahre spater den Zugang zur Munchner Akademie ebnen sollten nach dem Umweg uber das Moskauer Goethe-Institut, wo er deutsch lernen musste, nach dem Abkoppeln von seinem Vater, der bis dato jeden seiner Schritte begleitet hatte, nach der ersten Ausstellung eigener Bilder in einer Munchner Galerie.

"Naturlich war es anfangs sehr schwer fur mich, ich konnte nicht stehen, nicht gehen", erzahlt Nikita - der aus seinen Nachnamen Kourdioukov und seinem Vornamen den Kunstlernamen Knikta machte - wenn er sich an seine Kinderjahre erinnert. Und bei all den durch seine Krankheit bedingten Unwagbarkeiten trifft die Beschreibung vom Werden seiner Bilder wohl auch auf sein Leben zu, wenn er sagt: "Das ist wie ein Weg in den Wald - erst wenn Du ihn gegangen bist, kennst Du ihn."
Ein bisschen ist Nikita wohl selbst der Don Quijote, den er auf vielen seiner Bilder verewigt hat, oft nicht viel mehr als eine mit gro?en, fahrigen, dicken Strichen skizzierte Figur, die erst durch die hinterlegten Farben - rosa, taubenblau, ein sparsames Gelb - an Gestalt gewinnt, eine Gestalt, die gegen einen Gegner kampft, der eigentlich keiner ist. "ein Mensch, der sucht, der etwas glaubt, und das passiert nicht", Nikita, der den Kampf gegen seine personlichen Windmuhlenflugel schon lange aufgenommen hat, kann den Schalk in seinen blauen Augen kaum verbergen, als er weitere Bilder hervor zieht und von einem seiner Lieblingsthemen spricht: den Frauen. Er liebt sie, er malt sie und er liebkost sie gleichsam mit dem Pinsel, so wie "Die Liegende", der er das Gesicht einer Katze gegeben hat, und deren laszives Rakeln vor einem Hintergrund von Purpur- rot und tiefem Blau fast etwas Mystisches hat. In die bunten Farben eines arabisches Teppichs wie hineingewebt eine andere Schone: der Teppich sieht aus, als wurde er fliegen, weil "arabische Teppiche fliegen doch immer", erklart Nikita. Und den kindlichen Humor, der einen bei diesen Worten lacheln lasst. spurt man in vielen seiner Darstellungen, etwa bei der Frau im Gras - die "vom Teppich gefallen ist" - und die wie so viele seiner Bilder die manchmal schwer zu kontrollierenden Bewegungen widerspiege1t, aber dadurch eine Transparenz gewinnt, die dem Licht Raum gibt. Das fast impressionistische Spiel mit den Licht treibt er bei seinem morgendlichen "Canale Grande" zu einer Perfektion, die Venedigs Gemauer aufzulosen scheint in schwebendem Licht.
ALEXANDRA LEUTHNER